Wasser: Oberflächengewässer


Fließgewässerstruktur

Das morphologische Erscheinungsbild eines Gewässers mit seinen Ufern und Auen wird als Gewässerstruktur bezeichnet. Wesentliche Aspekte der Gewässerstruktur sind u. a. das Fließverhalten, die Form und das Material des Gewässerbettes und der Ufer sowie die Zusammensetzung der Vegetation am Ufer und in den Auen. Die Ausprägung der Gewässerstruktur beeinflusst die ökologische Funktionsfähigkeit der Fließgewässer in erheblichem Maße und entscheidet mit darüber, welche Pflanzen und Tiere sich im Bereich des Gewässers ansiedeln können.

Um den von der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) geforderten guten ökologischen und chemischen Zustand erreichen zu können, muss auch die Gewässerstruktur gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Deshalb ist die Kenntnis der aktuellen Gewässerstruktur erforderlich, um noch notwendige Maßnahmen zur Gewässerrenaturierung vorsehen zu können.

Auf Grundlage einer von der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) entwickelten Verfahrensbeschreibung, wurde in Hessen bereits Ende der 1990er Jahre die Gewässerstruktur aller Fließgewässer (etwa 24.000 km) kartiert. Bei diesem Verfahren werden die Bereiche Sohle, Ufer und Aue kartiert und dabei die ökologischen Ausprägungen der folgenden sechs Parameter bewertet:

Im Ergebnis der Fließgewässerstrukturkartierung wird jedem Gewässerabschnitt eine von insgesamt sieben Strukturklassen zugewiesen, die kartographisch in einer Farbskala von dunkelblau bis rot dargestellt werden.

(1) naturnah / unverändert
(2) gering verändert
(3) mäßig verändert
(4) deutlich verändert
(5) stark verändert
(6) sehr stark verändert
(7) vollständig verändert

Da die Erstkartierung der Gewässerstruktur bereits Ende der 1990er Jahre erfolgte, wurde im Zeitraum Herbst 2012 bis Frühjahr 2013 eine Neukartierung durchgeführt, um den Datenbestand zu aktualisieren. Dabei wurden allerdings nur die gut 8.000 km wrrl-relevanten hessischen Fließgewässer (ohne die großen Ströme Rhein, Main, Neckar und Weser) kartiert.

Verteilung der Gewässerstrukturgüteklassen

Abb.1: Verteilung der Gewässerstrukturgüteklassen 1-7 in Hessen
(Datengrundlage Kartierung 2012/2013, HLNUG 2014)

Besonders hochwertige Gewässerstrecken befinden sich in den Landschaftsräumen Taunus, Vogelsberg, Kellerwald, Rhön und Odenwald. In diesen relativ dünn besiedelten Mittelgebirgslagen mit hohem Waldanteil sind durchschnittlich mehr als ein Drittel der kartierten Abschnitte durch gute Strukturklassen (1 bis 3) gekennzeichnet, der Anteil an Gewässern mit schlechter Struktur (6 und 7) liegt hier weit unter dem Landesdurchschnitt. Im Unterschied zu den Mittelgebirgslagen sind in der Mainebene, im Nördlichen Oberrhein-Tiefland, in der Wetterau und in der westhessischen Senke nur sehr wenige Gewässer den Strukturklassen 3 und besser zuzuordnen. Der Anteil der naturfernen Strukturklassen (6 und 7) ist in diesen Landschaftsräumen besonders hoch. Gewässerabschnitte der mittleren Strukturgüteklassen (4 und 5) kommen relativ gleichmäßig über die gesamte hessische Landschaft verteilt vor. Vor allem die Mittel- und Unterläufe der kleineren Fließgewässer erhielten diese Bewertungen.

Ursachen für schlechte Gewässerstrukturen sind die vielfältigen Einflüsse des wirtschaftenden Menschen (z. B. Gewässerregulierung, Gewässerausbau, Uferverbau, intensive Flächennutzung, hohe Besiedlungsdichte, Verkehrswege). Auf Grund dieser Einflüsse ist eine Verarmung des ursprünglichen Artenbestandes sowie eine Verschiebung des Artenspektrums an Fließgewässern festzustellen.

Um die Bewirtschaftungsziele der WRRL (guter ökologischer und chemischer Zustand der Fließgewässer) zu erreichen, sind noch umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässerstrukturen notwendig. Diese Maßnahmen sollten den Grundsatz verfolgen, degenerierte und monotone Gewässerabschnitte gemäß ihrer natürlichen Ausprägung nachhaltig zu entwickeln und eine möglichst hohe Artenvielfalt am und im Gewässer zu ermöglichen. Dies kann in vielen Fällen bereits durch eine Verbreiterung der Gewässerparzelle erreicht werden, wenn der eigendynamischen Gewässerentwicklung innerhalb der vergrößerten Parzelle (Gewässerentwicklungsraum) Raum gegeben wird. Die Entwicklung eines standortgerechten Ufergehölzstreifens kann im Rahmen der regulären Gewässerunterhaltung verwirklicht werden, die Gehölze und auch das durch sie entstehende Totholz unterstützen wiederrum die Eigendynamik und mindern durch ihren Beschattungseffekt die Wassertemperatur. Durch den Erwerb von möglichst breiten Gewässerrandstreifen können Interessenkonflikte vermieden und gleichzeitig stoffliche Einträge in die Gewässer reduziert werden.

Weiterführende Informationen zu den Themen Gewässerstruktur, Strukturgütekartierung und Wasserrahmenrichtlinie finden Sie auf der Homepage des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (www.hlnug.de).

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