Allgemeine Daten: Tourismus

Tourismus: Lust und Last

Einleitung

Dem Tourismus kommt im Zusammenhang mit Nutzung einer — möglichst intakt scheinenden — Natur und Umwelt ein besonderes Gewicht zu 1). Je nach Reisemotiven, wie Erholung, Entspannung und Gesundheit, Naturerlebnisse, Sport und Kultur, Besuche und Geselligkeit oder Bildung, Geschäftsreisen und Tagungen unterscheiden sich Ziele und Dauer der Reise und die Erwartungen an den Aufenthalt. Der Ge- und Verbrauch von natürlichen Ressourcen geht zum einen unmittelbar von den Reisenden aus, zum anderen wird von diesen in aller Regel das Vorhandensein einer gut ausgebauten, attraktiven touristischen Infrastruktur eingefordert, was sowohl vor- als auch nachgelagerte wirtschaftliche Aktivitäten hervorruft.

Neben dem „Warum“ steht das „Wie“ im Vordergrund, also die Transportfrage. Touristen nutzen individuelle oder kollektive Transportmittel — vor allem Pkw, aber auch Fahrrad, Busse, Bahnen, Boote/Schiffe oder Flugzeuge —, für die eine entsprechende Infrastruktur vorgehalten werden muss, die oftmals Naturräume zerschneidet. Der Besucherverkehr dürfte auch erheblich zur Verkehrsbelastung von Städten beitragen.

Am Ziel der Reise sind zumindest gastgewerbliche Einrichtungen erforderlich, die Flächen sowie Ver- und Entsorgungsmöglichkeiten benötigen. Der gestiegene Anspruch an das Beherbergungsgewerbe ist in der Regel mit einem höheren Ressourcenverzehr verbunden. So verbraucht Tourismus Energie und Wasser, verursacht Emissionen — nicht zuletzt auch von klimabeeinflussenden Stoffen —, hinterlässt Abfälle und kann über Flächenverbrauch und Bodenversiegelung zu tief greifenden Eingriffen in die landschaftliche Struktur führen. Andererseits hat der Wunsch der Reisenden, „Schönes“ zu sehen und zu erleben, auch zur Folge, dass wertvolle Ökosysteme, traditionelle Wirtschaftsformen, historische Stätten und Kulturdenkmäler geschützt und bewahrt werden.

Rhein-Main-Gebiet und Nordhessen touristische Schwerpunkte

In Hessen haben sich im Laufe der Jahre zwei dominierende Reisegebiete entwickelt. Einmal das Rhein-Main-Gebiet (in weitem Sinne) mit den kreisfreien Städten Frankfurt am Main und Wiesbaden als Zentren, zum anderen die kreisfreie Stadt Kassel und der Landkreis Waldeck-Frankenberg in Nordhessen. Weitere regionale Schwerpunkte sind die Mittelgebirge Meißner, Knüllgebirge, Vogelsberg, Rhön, Spessart und Odenwald mit den angrenzenden Gemeinden (siehe Karte).

Frankfurt am Main und Bad Wildungen mit den meisten Übernachtungen

Zur Beurteilung der Beanspruchung von Umwelt sollen an dieser Stelle die Übernachtungszahlen des Jahres 2009 aus der Statistik der Beherbergung im Reiseverkehr herangezogen werden2). Ganz dominant ist mit 5,4 Mill. Übernachtungen Hessens Metropole, die Stadt Frankfurt am Main. Knapp ein Fünftel des gesamten hessischen Übernachtungsvolumens vereinigte somit Hessens Metropole auf sich. Die Kurstadt Bad Wildungen kommt mit annähernd 1,5 Mill. Übernachtungen auf einen Anteil von über 5 %, die Landeshauptstadt Wiesbaden und Willingen (Upland) kommen mit jeweils etwa 1 Mill. auf einen Anteil von jeweils fast 4 %. Rund 800 000 Übernachtungen finden in den „Mauern“ der Stadt Kassel statt, in Bad Nauheim, in der Wissenschaftsstadt Darmstadt und in Bad Homburg vor der Höhe zwischen 500 000 und 700 000. Die Anteile betragen somit 3 % für die Stadt Kassel und etwa 2 % für die genannten Kurorte und Darmstadt. In den Städten Bad Sooden-Allendorf und Bad Soden-Salmünster werden zwischen 400 000 und 500 000 Übernachtungen registriert, die jeweils einen Anteil von etwa 2 % an den landesweiten Übernachtungen ausmachen. In Fulda, Bad Orb, Rüdesheim am Rhein, Offenbach am Main, Bad Schwalbach, Bad Hersfeld und Neu-Isenburg werden zwischen 300 000 und 400 000 Übernachtungen gezählt, zwischen 200 000 und 300 000 sind es in der Universitätsstadt Marburg, in Rotenburg an der Fulda, Mörfelden-Walldorf, Bad Salzschlirf, Bad Zwesten und Vöhl. Es sind also hauptsächlich die kreisfreien Städte und die Bädergemeinden, wo in Hessen übernachtender Tourismus stattfindet.

Nordhessen mit höchster Fremdenverkehrsintensität

Neben den absoluten Zahlen wird zur Beurteilung des Gewichtes des Reiseverkehrs die sogenannte Fremdenverkehrsintensität herangezogen. Hierzu setzt man die Zahl der Übernachtungen in Beziehung zur Zahl der Einwohner des jeweiligen Gebietes3). Für Hessen insgesamt ergibt sich ein Wert von 4,4, womit es knapp unter dem bundesdeutschen Durchschnitt von 4,5 liegt und im Bundesländervergleich den achten Platz einnimmt. In Hessen hat der Landkreis Waldeck-Frankenberg mit 20,3 die Spitzenposition inne. Mit 8,1 folgt in deutlichem Abstand der Landkreis Hersfeld-Rotenburg, noch vor der Stadt Frankfurt am Main (8,0). Die nächsten Plätze belegen der Werra-Meißner-Kreis (7,0), der Rheingau-Taunus-Kreis (6,5) und der Landkreis Fulda (6,4). Noch über dem Landesdurchschnitt liegen der Hochtaunuskreis (5,2) und der Odenwaldkreis (4,5). Alle übrigen kreisfreien Städte und Landkreise blieben unter dem hessischen Durchschnittswert.

Abb. 1: Übernachtungen je Einwohner in Hessen 2009 nach Verwaltungsbezirken in Rangfolge

Für die einzelnen Städte und Gemeinden ergibt sich gegenüber der Rangfolge nach der Zahl der Übernachtungen hinsichtlich der Fremdenverkehrsintensität ein völlig neues Bild (siehe Karte). Jetzt steht die Gemeinde Willingen (Upland) mit einem Wert von 155,5 einsam an der ersten Stelle, in weitem Abstand gefolgt von Bad Wildungen mit 83,9. Die Stadt Bad Salzschlirf nimmt mit 78,4 Rang drei, Bad Zwesten mit 54,4 Rang vier und Bad Sooden-Allendorf mit 50.5 Rang fünf ein. Einen Wert von über 30 erreichen zusätzlich Bad Karlshafen, Rüdesheim am Rhein, Bad Orb, Kirchheim, Vöhl, Bad Schwalbach und Gersfeld (Rhön). Bad Soden-Salmünster, Poppenhausen (Wasserkuppe), Frankenau und Bad Nauheim kommen auf einen Wert von über 20. Frankfurt, der Spitzenreiter nach absoluter Zahl der Übernachtungen, findet sich mit einem Wert von 8,0 erst an 43. Stelle, Wiesbaden rutscht von Platz 3 mit 3,6 Übernachtungen je Einwohner auf Platz 102 und Kassel von Platz 5 mit 3,9 Übernachtungen auf Platz 94. Umgekehrt konnten sich Bad Karlshafen, Kirchheim, Poppenhausen (Wasserkuppe), Frankenau, Lindenfels, Hilders und Schwarzenborn eindrucksvoll von den Plätzen 30, 33, 64, 62, 47, 52 bzw. 169 auf die Plätze 6, 9, 14, 15, 18,19 und 20 verbessern.

Wirtschaftsfaktor Tourismus

Diese Zahlen verdeutlichen, welch wesentlicher Wirtschaftsfaktor Tourismus insbesondere für einzelne Städte und Gemeinden oder Regionen ist4). Weitgehend mittelständisch geprägt, kommt ihm auch im Zusammenhang mit der Schaffung oder dem Erhalt von Arbeits- und Ausbildungsplätzen große Bedeutung zu. Fundierte Schätzungen kommen zu dem Schluss, dass je Übernachtungsgast im Durchschnitt etwas über 100 Euro am Ort der Übernachtung(en) ausgegeben werden, wobei Geschäftsreisende im Vergleich zu den Erholungsreisenden etwas mehr als das Doppelte ausgeben. Je Tagestourist werden etwa 30 Euro eingenommen, von dem der größte Teil dem Einzelhandel und der Gastronomie zugute kommen. Unter Berücksichtigung dessen, dass die Tourismusbetriebe und deren Beschäftigte aus diesen Einnahmen wieder Käufe bestreiten, kommt man für Hessen im Jahr 2000 auf einen tourismusbedingten Umsatz von etwa 10 Mrd. Euro, wobei hier Umsätze von Reisebüros und Reiseveranstaltern nicht enthalten sind. Dies entspricht in etwa der Hälfte des Umsatzes der Chemischen Industrie in Hessen und ist höher als der Umsatz des hessischen Maschinenbaus. Hinsichtlich der Arbeitsplätze kann davon ausgegangen werden, dass hessenweit etwa 162 000 Menschen ihr Einkommen dem Tourismus verdanken5).

Datenquellen

Informationen zu den Gästeankünften und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben mit neun oder mehr Betten sowie auf Campinglätzen können monatlich den Statistischen Berichten G IV 1 „Gäste und Übernachtungen im hessischen Tourismus (Vorläufige Ergebnisse)“ entnommen werden. Der Bericht für den Dezember enthält die endgültigen Ergebnisse für das Kalenderjahr. Diese Publikationen stehen unter www.statistik-hessen.de zum kostenfreien Download zur Verfügung. Gemeindedaten können darüber hinaus aus der Gemeindedatenbank des Hessischen Statistischen Landesamtes abgerufen werden.
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1)„Umfragen des Europäischen Reisemonitors zufolge steht das Interesse an Landschaft und Natur als Urlaubsmotiv bei europäischen Deutschlandurlaubern an dritter Stelle. Landschaft und Natur erleben gehört für 74 % der deutschen Urlauber in den inländischen Feriengebieten zu den wichtigsten Urlaubsinhalten.“ Tourismuspolitischer Bericht der Bundesregierung — 14./15. Legislaturperiode —, Bundestagsdrucksache 15/1303 vom 27.06.2003, S. 17.

Siehe auch die Ergebnisse des ADAC-Reise-Monitors 2011 (www.media.adac.de/mediaservice/studien.html). Auch dort steht für die Mehrzahl der Urlauber „eine schöne Landschaft“ an dritter Stelle der Reisemotive, nach „Ruhe finden / Abschalten“ und „Kraft tanken / Regenerieren“. Für fast ein Drittel ist „unberührte Natur“ wichtiges Reisemotiv.

2)Hierin enthalten sind die Meldungen von Campingplätzen (ohne Dauercamping) und von Beherbergungsstätten, die neun oder mehr Betten anbieten. Dies umfasst sowohl Hotels, Gasthöfe und Pensionen als auch Schulungsstätten, Jugendherbergen oder auch Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen. Nicht enthalten sind Übernachtungen in kleineren Beherbergungsstätten mit weniger als neun Betten. Ebenfalls außer Betracht bleiben die Tagesgäste, deren Zahl für Hessen insgesamt auf jährlich annähernd 300 Mill. geschätzt wird.

3) Manchmal findet man auch die Relation „je 100 (oder 1000) Einwohner“.

4) Wobei allerdings anzumerken ist, dass es eine allgemein gültige Bestimmung dessen, was volkswirtschaftlich zur Tourismusbranche gehört, bisher nicht gibt und, da vom Zweck der Nachfrage, dem Reisen, her definiert, wohl auch nicht geben kann. Neben dem Kernbereich, der Hotellerie und Gastronomie, Reiseveranstalter und -vermittler, Kongresse und Tagungen, Messen, Bäderwesen, Kur, Verbände, Verkehrsbüros, touristische Aus- und Weiterbildung, Verwaltung und Transport umfasst, zählen im Randbereich auch Groß- und Einzelhandel, Kunst, Theater, Rundfunk, TV, Bauwirtschaft, Reiseausrüster, Sportlehrer, Frisöre u. Ä. dazu.

5) Siehe hierzu „Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage betreffend Entwicklung des Tourismus in Hessen sowie der hessischen Kur- und Heilbäder und der länderübergreifenden Tourismusprojekte“, Hessischer Landtag, Drucksache 15/3658 vom 21.02.2002 und „Bericht des Ausschusses für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung“, Bundestagsdrucksache 13/9446 vom 11.12.1997.

© 2011 Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie